Schwierige Annäherung

Der recht schnelle Entschluss, als erstes eigenes Objekt ein historisches Atelier zu bauen, und dann das von Van Gogh, wurde zu einer Herausforderung. Weniger das Bauen einer Petroleumlampe aus kleinteiligen Resten und einer winzigen LED mit haarfeinen Drähten oder das Modelieren eines Ofens dieser Zeit mit Fimo auf ein Aluröhrchen, sondern der Raum selbst. Eigentlich zu einer Auseinandersetzung mit falschen Informationen im Netz. Besonders auch der Google-KI, die sich bei jeder Suchanfrage aufdrängt.
Auf der Suche nach Vorlagen fand ich wenige Bilder von einem niedrigen Raum mit grünem Deckenbalken, Ziegelboden, zwei Fenstern und einer Stalltür. Sie waren als Van Goghs Atelier in Nuenen bezeichnet, was ich treuherzig glaubte. Im Laufe der Arbeit fand ich auch einige Bilder, die zeigten, was sich im Rücken der Sicht auf Fenster, Staffelei und Arbeitsplatte befand. Immer noch in dem Glauben, dass das das Originalatelier von Van Gogh sei. Dass die Ausstattung des Raumes nicht original war, sondern mit Möbeln und Objekten dieser Zeit, war klar. Ich erlaubte mir also auch die von Van Gogh immer wieder gemalten Binsenstühle nachzubauen und einen einfachen Tisch, den ich auf Zeichnungen von ihm gesehen hatte, statt einer Arbeitsplatte auf Ikeaböcken.

Doch als ich schließlich wissen wollte, wo denn der Raum nun exakt lokalisiert ist, wurde die Verwirrung immer größer. In Nuenen malte Van Gogh zunächst in einem Behelfsraum im Pfarrhaus der Eltern. Dann mietete er einen Raum beim Küster Johannes Schafrat, wo er nach dem Tod des Vaters ganz einzog. Ein dritter Bezugspunkt ist jedoch das Nachbarhaus „Nune Ville“. Mit der dort lebenden Margot Begemann entwickelte sich eine leidenschaftliche Liebesbeziehung. Und eine vierte Lokalität kam auch noch ins Spiel und das ist das Van-Gogh-Museum in Nuenen. Die Frage, warum es denn offensichtlich ein ehemaliges Stallgebäude gewesen sei, beantwortete mir die KI mit dem Verweis auf einen Anbau im Schafrat-Hof. Ob es das Gebäude noch gäbe? Nein, das wurde im Krieg zerstört. Was denn dann dieser Raum sei, wo offensichtlich Führungen oder Vorführungen stattfinden? Dies sei ein lebensgroßer Nachbau im Museum. Eine Videoführung durch das Museum zeigt keinen Ateliernachbau, sondern einen Nachbau des Zimmers, in dem die berühmten Kartoffelesser im Bild positioniert waren und auch in der Realität wohnten. Auf diesen Widerspruch hingewiesen erklärte mir die KI, dass ich in der Tat Recht hätte und dass der Raum auf den Fotos ein Raum auf dem Grundstück der Villa Nune Ville, also dem seiner Geliebten sei, der entsprechend den Angaben in Briefen an Künstlerkollegen hergerichtet worden sei. Schlussendlich: Das Atelier ist ein Phantom. Was ich nachgebaut habe, ist diese Simulation. In manchen Details aber vielleicht dichter an der damaligen Realität, als die reale Ausstattung heute.

Vorstudien für die Kartoffelesser. Tür, Fenster und offene Balkendecke sind vertraut. Man findet sie auch im endgültigen Gemälde wieder, das übrigens auf harte Kritik von Kollegen stieß. Besonder der hinter der Hand schwebende Teekessel.